Tausend Farben Liebe

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, als ich mit meiner Mutter das erste Mal über das Thema „Liebe“ sprach, ich muss etwa neun Jahre alt gewesen sein.

Liebe, das hieß und meinte damals „verliebt sein“; und auf meine unvermeidliche Frage woran ich denn erkennen würde dass ich verliebt sei, gab sie mir die ebenso unvermeidliche Antwort: „Das wirst Du dann schon merken“.
Dass ich mich aufgeregt fühlen würde sagte sie noch, immer an den Anderen denken müsse – und die obligatorischen Schmetterlinge im Bauch ließ sie natürlich auch nicht unerwähnt.

Ok, das hatte ich verstanden. Es gab also „jemanden lieb haben“ – seine Kinder und seine Freunde zum Beispiel -, und es gab „jemanden lieben“, also in ihn verliebt sein. (Letzteres würde laut Ankündigung meiner Mutter erstmals in dieser ominösen Zeitspanne namens „Pubertät“ über mich hereinbrechen, und es hatte anscheinend irgendwas mit erwachsen werden zu tun. Und mit Sex.)

Es blieben in diesem Gespräch definitiv mehr Fragen offen, als geklärt wurden – aber damals nahm ich an, dass es einfach nicht viel zu erklären gab, weil sich wahrscheinlich alles von selbst ergeben und zeigen würde. Weil es einfach sein würde und klar; weil man Liebe nicht lernen muss, sondern einfach kann, wie atmen.

Je älter ich wurde, desto mehr stellte ich fest: Ich war überhaupt nicht vorbereitet auf dieses ganze Thema, kein bisschen.
Die Informationen, die ich zu dieser Sache erhalten hatte, waren in etwa so dürftig als würde man einem Fahrschüler sagen:  Dies ist ein Auto – es hat vier Räder, fahren darf man nur bei grün – und nun viel Spaß!

Nichts und niemand hatte mich vorbereitet auf die tausend Farben, die die Liebe haben kann – und auf die unendlichen Schattierungen von grau.

Früher schien es so einfach: Entweder man ist verliebt, oder eben nicht. Wenn der Andere auch in einen verliebt ist: gut. Ansonsten: schlecht.

Von wegen!

Niemand hat erwähnt, dass es ungefähr eine Millionen Möglichkeiten gibt, wie die Liebe uns unglücklich machen kann – und zwar völlig unabhängig davon, ob sie erwidert wird oder nicht!

Niemand hat mir erzählt, wie viel Angst die Liebe den Menschen macht – obwohl sie doch zugleich nichts so sehr ersehnen.

Niemand sagte mir, dass man das Bedürfnis haben kann mit jemandem zu schlafen, den man ansonsten eigentlich nicht mag – während man einen besten Freund hat, den man für den wunderbarsten Menschen auf der Welt hält, aber den man nicht mal küssen möchte.
Keiner hat mir gesagt, dass es möglich ist bis über beide Ohren verliebt zu sein – und dennoch zu spüren, dass man mit demjenigen nicht glücklich werden würde; während man sich umgekehrt manchmal wünscht, sich in jemanden verlieben zu können – der einen will, und mit dem man definitiv glücklich werden würde -, nur leider spielen die Gefühle nicht mit.

Niemand hat mich wissen lassen, dass die Liebe manchmal einfach nicht endet, obwohl alles andere schon lange vorbei ist – oder nie richtig begonnen hat. Keiner hat mir gesagt, dass Liebe sich wandeln kann; dass man vielleicht irgendwann nicht mehr mit jemandem schlafen will, aber trotzdem noch sein Leben mit ihm teilen. Dass man jemanden lieben kann, aus tiefstem Herzen, und GLEICHZEITIG noch jemand anderen! Uiuiuiuiuiuiui!

Ich hatte keine Ahnung, dass Menschen so besonders und einzigartig und wunderbar sind, dass man sich im Grunde in jeden Einzelnen von ihnen verlieben kann; und sei es nur in ein Detail. Ich dachte, Liebe wäre selten.

Niemand hat erwähnt, dass es einen weitverbreiteten Beziehungsstaus namens „Es ist kompliziert“ gibt; und es hat uns auch niemand davor gewarnt, dass Liebe manchmal einfach nicht reicht – weil die Angst stärker ist, und mit ihr die ganzen alten Muster und Strukturen, die das Leben in uns eingebrannt hat.

Niemand erzählte mir davon, wie es sich anfühlt, Dinge an einem Menschen zu lieben, die einen wahnsinnig machen; und dass jemanden zu lieben und ihn zu mögen nicht immer miteinander einhergeht. Dass man einen Menschen lieben kann und gleichzeitig verabscheuen für das was er tut, oder eben nicht tut.

Ich wusste nicht, dass es „beziehungsähnliche Beziehungen“ gibt; in denen man zwar quasi alles miteinander teilt, aber trotzdem nicht wirklich zusammen ist. Ich dachte, wenn man sich trennt ist eine Beziehung vorbei – dabei ändert sich doch nur ihre Form.

Ich war nicht vorbereitet darauf, wie Liebe alles auf dem Kopf stellen kann – wenn sie kommt oder geht und dabei manchmal ein ganzes Leben mit sich reißt.

Und ich wusste auch nicht, wie oft Liebe instrumentalisiert wird; wie oft sie herhalten muss für alle möglichen Entscheidungen – und wie wenig sie dabei doch manchmal für sich selbst steht und zählt; immer gebunden ist an Dinge im Außen.
Und auch nicht, wie viele Betrüger in ihrem Gewand bei uns vorsprechen würden; in Form von Abhängigkeit, Lust, Schmerz, Drama, Eifersucht, Angst, Projektion…

Niemand hat mich davor gewarnt, dass das Gefühl immer nur ein Teil der Wahrheit ist; und dass es so oft im Clinch liegt mit äußeren Umständen, Gedanken, früheren Erfahrungen und alten Ängsten.

Mir ist schon klar warum Hollywood  vor der echten Liebe kapituliert; kein Film könnte ihrer Mannigfaltigkeit je gerecht werden. Aber hätte uns denn nicht frühzeitig jemand sagen können, dass die Filme, die wir im Kino sehen, absolut NICHTS mit der Realität zu tun haben?! Warum gibt es eine Altersbeschränkung bei Aktion- und Horrorfilmen, aber keine Warnhinweise bei Liebesschulzen? „Achtung! Dieser Film wird ihr Bild von der Liebe nachhaltig prägen und versauen, und ihre Beziehungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen!“

 

Und was ist eigentlich geworden aus der kurzen, klaren Gleichung: Verliebt sein oder nicht? –

Wir schlafen mit Menschen, in die wir nicht verliebt sind. Wir sind verliebt in Menschen, mit denen wir nicht schlafen. Wir sind verheiratet mit Menschen, mit denen wir irgendwann nicht mehr schlafen, und mit denen wir oft nicht mal befreundet sind. Wir haben Affären mit Menschen, die uns nicht gut tun. Wir haben Sex mit Menschen, die wir nicht kennen – und die wir doch lieben, und sei es nur für eine Nacht; für diesen einen Moment.

Es gibt Menschen, die bedeuten uns eine Zeitlang die Welt – und dann sind sie irgendwann weg, und unser Leben registriert es kaum. Und es gibt Menschen, bei denen unsere Welt sich aufhört zu drehen wenn sie gehen.
Mit beiden können wir Sex haben oder auch nicht; Liebe ist es doch immer, wenn auch nicht dieselbe, anscheinend – oder doch?  Wo hört „Ich hab Dich lieb“ auf, wo fängt „Ich liebe dich“ an – und was ist eigentlich, wenn ich „Ich hab dich lieb“ definitiv nicht reicht, es aber auch kein Verliebtsein ist? Und überhaupt verliebt sein: Bin ich immer verliebt, wenn ich nicht nur freundschaftliche Gefühle für jemanden habe? Wenn ich ihm auch körperlich nah sein will; ihn küssen und berühren?

Und reicht eine ruhige, perlende Freudigkeit im Bauch wenn ich den Anderen sehe, oder muss ich schlaflose Nächte haben; zählt es erst als verliebt sein wenn ich nicht mehr essen kann vor Aufregung? Ab wie vielen Schmetterlingen im Bauch ist das Verliebtsein offiziell als solches entlarvt; ab dreien? Oder doch erst ab zehn? Muss ich mit jedem Menschen zusammen sein wollen in den ich verliebt bin, und muss ich in jeden Menschen verliebt sein, mit dem ich zusammen sein will? Und warum gibt es, verdammte Axt, noch keine Kommission die über diese Tatbestände entscheidet?

Warum hat mir niemand erzählt, dass man verliebt sein manchmal auch einfach überspringt, und sofort beginnt den Anderen zu lieben? Und warum reicht unser Fühlen nicht aus, wenn es nicht in irgendwelche Definitionen passt? Und wie machen das eigentlich Menschen, die sich nicht detailliert verständigen können; z.B. weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen und/oder gehörlos sind, und sich ohne Zettel und Stift und Handy im Dschungel begegnen (was ja zugegebenermaßen nicht allzu häufig vorkommt; aber mal angenommen): Wie lieben die, wenn sie einander keine Definitionen abverlangen können? Gehen sie am Ende einfach danach, wie sie sich fühlen miteinander?

Aber woher weiß ich denn überhaupt, was ich da genau fühle? Fühle ich wirklich mein Gegenüber, oder doch nur das, was ich auf ihn projiziere? Und wenn ich liebe, was liebe ich dann eigentlich genau? Liebe ich wirklich diese Person, um ihrer selbst willen, liebe ich das, was sie ist – oder doch nur was ich von mir selbst in ihr sehe; wie ich mich fühle in ihrer Gegenwart? Liebe ich an ihr was uns verbindet- oder eher die Teile, die mir selbst fehlen? Und liebe ich dann nicht eigentlich doch eher die Erweiterung meines Selbst, und nicht den Anderen, eben rein um seiner selbst willen? Und ist irgendeine dieser Fragen überhaupt wichtig und entscheidend?

Denn ist am Ende nicht eh jede Definition  sinnlos, weil sie doch immer nur grobe Einteilung sein kann? Denn selbst wenn ein Paar sich findet, weil es sich einig ist, verliebt zu sein: Fühlen sie denn wirklich gleich? Und ist es überhaupt wichtig ob sie das tun?

Denn so wie auch völlig unklar ist, ob der Mensch, mit dem wir ein Essen teilen, tatsächlich dasselbe schmeckt wie wir, können wir niemals wissen wie sich das Verliebtsein unseres Partners eigentlich für ihn anfühlt –  wir können nur feststellen, dass die Gefühle die wir haben, in ihrer Konsequenz in dieselbe Richtung zeigen.

Liebe kann ein tosender Sturm sein, der alles durcheinander wirbelt- und ein warmer, zarter Sommerregen. Sie wird aus Mut gemacht und macht uns stark; und gleichzeitig so unbegreiflich schutzlos und verletzlich. In ihr sind wir unangreifbar, und doch hoffnungslos verloren. Wie oft kann man sein Herz verschenken, verlieren? Wie viele Herzen haben wir, oder wachsen sie nach? Wie viele Liebes-Leben hat ein Mensch?

Ist es Liebe, wenn ich nicht ohne jemanden sein kann? Oder ist es gerade dann Liebe, wenn ich wunderbar gut ohne ihn sein kann? Wird die Liebe eher durch den Schmerz definiert, oder durch das Wohlgefühl? Nimmt die Liebe uns gefangen, oder setzt sie uns frei? Oder vollbringt sie nicht gar das Wunder, beides zur selben Zeit zu tun? Und auf wie viele Arten kann man eigentlich „Ich liebe Dich“ sagen; laut und leise, oft versteckt, verklausuliert, fast unhörbar? Wie oft wohl verstehen wir nicht wenn jemand uns seine Liebe gesteht, weil er andere Worte benutzt als wir, oder keine? Und hat die Liebe nicht alles vollbracht was möglich ist, wenn wir uns zu Hause fühlen – in uns selbst, in Gegenwart eines anderen?

Kann die Liebe uns überhaupt näher zu uns selbst bringen, wenn wir sie so sehr über andere definieren?

Und wie kann es sein, dass in der Schule keine einzige dieser Fragen beantwortet, ja noch nicht einmal gestellt wurde? Wie kann es sein, dass wir zwar alles über die Schwerkraft lernen, und über alle möglichen anderen Naturgesetzte; aber NICHTS, rein GAR NICHTS über die größte aller Kräfte? Wir lernen dass der Mensch Sauerstoff braucht zum Überleben, und H2O; aber keine Worte über Liebe.

Wäre es denn nicht wichtig, schon Kindern zu sagen dass Liebe keine begrenzte Ressource ist, sondern sich vermehrt, je mehr man davon gibt? Dass sie uns die Macht verleiht, die Welt jeden Tag zu einem besseren Ort zu machen, einzig und allein durch die Entscheidungen die wir treffen – für die Liebe, und gegen die Angst, in jedem einzelnen Augenblick?

So viel unnütze Dinge stehen auf den Lehrplänen, mit so viel Scheiß müssen wir uns beschäftigen, den wir im Leben nie mehr brauchen werden – aber die Dinge, die lebensentscheidend sind, die ausmachen ob ein Leben glücklich glückt oder nicht – die werden nicht einmal erwähnt. Hauptsache Algebra! Verrückte Welt.

Liebe ist ein Gefühl, aber sie ist auch so viel mehr- sie ist das große ALLES und ohne sie ist nichts irgendwas; sie lenkt uns und bestimmt uns und doch wissen wir im Grunde nichts von ihr. Wir kommen aus ihr und wir kehren, mit viel Glück, zu ihr zurück; und bis dahin sind wir die Liebe selbst, ob uns das nun klar ist oder nicht.

 

Pssst... Du kennst jemanden der davon wissen sollte? Dann teile es gern und erzähle es weiter! 🙂

2 thoughts on “Tausend Farben Liebe

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